Samstag, 8. August 2026

Sonnzagsgeschichte

 Eine absurde Sonntagsgeschichte, sie ist absolut nicht ernst zu nehmen:

Die Verwüstung

Die Verwüstung beginnt unmerklich. Vorerst steigen die Temperaturen um einige Grad und regnet weniger als sonst, dafür in gewaltigen Güssen, aber es dauert nur kurze Zeit, bis das Wasser wieder verschwindet. Eines Tages regnet es gar nicht mehr, und nur kleine Tümpel und Pfützen bleiben stehen, wo einmal Bäche, Flüsse und Seen waren. Es wird immer heißer. Die Industrie stellt sofort  mehr Sonnenschirme und Klimaanlagen her, doch das sind die einzigen Maßnahmen, die man trifft. Ein paar Wetterkundler weisen auf Merkwürdigkeiten im Wetterablauf hin, nur versteht ihre wissenschaftliche Sprache kaum einer, und ihre Entdeckung wird sofort wieder vergessen oder verdrängt oder als ideologische Panikmache beschimpft. Die Kraftwerke zur Energiegewinnung heizt man dann zur Höchstleistung hoch, weil immer mehr Strom zur Kühlung benötigt wird. Windräder und Solaranlagen hat man längst eigennützig ablehnt, die stören im Landschaftsbild. Aber dieses Landschaftsbild wird sich von selbst zerstören und allmählich goldbraun verrben, weil Felder und die Wälder verdorren. Wenn schließlich die Flüsse verschwunden sind, kreidet man es den jeweiligen feindlichen Landesfremden an, doch weil die Nachrichtenübermittlung nicht zu verhindern ist, erfährt alle Welt von der synchronen Verwüstung vieler Gebiete der Erde. Es wird hauptsächlich von einer vorübergehenden Krise der Witterung gesprochen werden, von einer Verlagerung der Erdachse oder ähnlichem. Jeder Staat heuert aber insgeheim Fachleute aus der Sahara und Gobi an, deren Erfahrung das hitziger werdende Leben erleichtern soll. Die Bevölkerung, die sich bereits in die Keller der Häuser oder in Höhlen zurückgezogen hat, wird kaum noch mit Wasser versorgt aber gewöhnt sich langsam an den unterirdischen Zustand, denn es gehört zu den vornehmsten Aufgaben einer Bevölkerung, sich an Zustände zu gewöhnen: “Ich lebe jetzt!“ , sagt ein geachteter Mensch und ermuntert seine Anhänger zur eigenwilligen Missachtung der Gewissheit, und eine bekannte Persönlichkeit prägt endlich den Satz vom „Leben mit der Hitze“, der bald in aller Munde ist. Leider werden eitle Ignoranz und fatale Gewöhnung immer wieder gestört, und zwar durch die Temperatur selbst, die, von den vielen beruhigenden Weisheiten unbeeindruckt, ständig weiter ansteigt. - Bitterste Not bricht aus und bitterste Angst. Durst und Hunger greifen um sich. Das Internet und alle Medien zerfallen, dafür fliegen Hubschrauber über die brodelnden Städte und werfen Flugblätter ab, des Inhalts, dass alles getan werde, das Unglück abzuwenden. Gläubig lesen die schmorenden Menschen die Blätter. Den Hitzeopfern hält man die Zettel vor Augen mit letzter Ermutigung. Nun, es sind die letzten Menschen, die niemals erfahren, dass eine Verwüstung über sie gekommen: Das zu verheimlichen, wird allen Beteiligten wichtiger sein, als in den zunehmenden Temperaturen, den brennenden Wäldern, den auftauenden Gletschern, den häufigen Unwettern und in den brutalen Hitzeperioden mit ihren großen Dürren, eine drohende Weltkatastrophe zu erkennen. Gewiss: Für eine weitere würde man nun viel besser vorbereitet sein, wenn man sich nicht schon bei der ersten verbrannt hätte.

Es ist eine etwas sarkastische Parodie auf Günter Kunerts Groteske "Sintflut" in "Tagträume 1972"